Rokoko-Ausstellung in München 2015

Ausstellungsrundgang in der Rokoko-Ausstellung
Bildquelle: Münchner Kirchennachrichten 

Die Rokoko-Ausstellung: Bilder im Internet oder gedruckte Bilder, die diesem Ereignis gerecht werden, gibt es nicht. Also immer noch: selber hingehen, eigene Anschauung.

Das Einzige, was es einigermaßen trifft, ist der Film des Bayerischen Rundfunks:

Alle Filme die ich gefunden habe versuchen, das Flirren der polierten Flächen, den Wechsel der Beleuchtung und des Farbeindrucks auf den Hauttönen und changierenden Inkarnatflächen (Muskeln, Kniescheiben, Zehen, Augenumgebung!) mit Kamerafahrten, Zoom- und Unschärfeverläufen einzufangen.

Was unsere in vielen Besichtigungen gewonnene Erkenntnis bestätigt: unmittelbarste, vergänglichste Gegenwart wird im Rokoko angestrebt: jetzt gerade im Moment agieren die Figuren! Oft werden sie sogar „in der letzten Sekunde vor dem eigentlichen Bild“ dargestellt! In der Klosterkirche Birnau am Bodensee (J. A. Feuchtmayer) sind die Putten noch beschäftigt, Girlanden am Hauptaltar aufzuhängen, die grünen Ranken hängen noch teilweise herunter, weil die Putten „noch nicht fertig sind“.

putto_asamhaus
Putto am Portal des Münchener Asamhauses

Am Eingangsportal des Asamhauses arbeitet der Putto noch in vollem ausholendem Schlag mit Holzschlegel und Stemmeisen, um die Krone der Stadtgöttin zu vollenden.

putto_berg
München, St. Michael in Berg am Laim, Engel und Putto von Johan Baptist Straub (1767)
Bildquelle: http://www.wochenanzeiger.de/article/157772.html

In St. Michael in Berg am Laim scheint der Erzengel Raphael von J. B. Straub dem Putto mit dem Fisch zuzurufen: Da geh endlich her da, es fängt gleich an!

 

raphael
Johann Baptist Straub (1704–1784), Erzengel Raphael, um 1767, Holz, farbig gefasst, teilweise vergoldet; ca. 200 cm. Pfarrkirche St. Michael, München-Berg am Laim, © Diözesanmuseum Freising, Foto: Thomas Dashuber

Zweitens: Die Beachtung der Blick- und Anschau-Richtung ist sowohl für den Künstler als auch für die Aussteller ein entscheidender Akt in der Planung und Aufstellung bzw. bildlichen Präsentation. Das Ausstellungsfoto(auf Poster und Prospekt) vom Erzengel Raffael ist von zu weit „innen“ und untersichtig aufgenommen (so wie der Putto den Engel sehen würde, nicht der Kirchenbesucher), daher schaut er nicht wie ein „Straub“ (ausgeglichen), sondern fast wie ein „Günther“ (nervös – z.B. Verkündigungsgruppe in Weyarn, auf Untersicht berechnet).

Und drittens, eine direkte Bestätigung für meinen Berufswechsel zum Drucker: der Katalog ist „zwar“ nicht schlecht gedruckt, aber er wird dem Thema nicht gerecht, weil er dafür nicht gut genug gedruckt ist. Alle Lichter sind zu schwer, der erste druckende Rasterpunkt ist nach meiner Schätzung eben nicht bei 1% Flächendeckung, sondern bei 2 oder 3%. Das lässt die Lichter matt und schwer erscheinen, und der Kontrast fehlt. Die großen „Stimmungsbilder“ vor den einzelnen Kapiteln, die ebenfalls versuchen mit Unschärfen zu arbeiten, wirken nicht frisch, sondern, Fachausdruck von Peter Schwarz, einem meiner Druck-Schichtführer: verseicht.

Das hört sich jetzt als harte Kritik an, aber dient nur dem Austausch von all den Gedanken, die auf mich hereinsprudeln und die man halt nur mit jemand austauschen kann, der/die ebenfalls einen Blick fürs Detail hat.

Am nächsten Tag wünschte ich mir als Kontrastprogramm die griechischen Statuen in der Glyptothek, in neutralem, hellem Licht, insgeheim mit der Frage, ob dieses Licht den Rokoko-Engeln besser getan hätte als die immer ein bisschen manipulierenden Punktstrahler? Ich kann mich noch nicht entscheiden! obwohl ich in meiner Druckerei-Zeit während meiner FOGRA-Fortbildungen in Berg am Laim öfters mal frühmorgens im kalten Winterlicht in St. Michael war und die Erzengel in diesem Licht gesehen habe. Ein bisschen Wärme, vielleicht auch Frühlings- oder Sommerlicht, tut ihnen gar nicht schlecht.

Dem Licht traue ich sowieso alles zu: in Zürich waren wir einmal in einer Claude Monet-Ausstellung mit den großen Wasserlilienbildern: Ausstellung fachmännisch ausgeleuchtet, Fensteröffnungen neutral mit Stoff verhängt, schönes Wetter – als ein Bild sich vor unseren Augen von „roter“ über „braune“ über „grüne“ bis „graue“ Grundstimmung änderte, innerhalb der drei Minuten, in denen draußen eine Wolke vorbeisegelte… was soll man dann da fotografieren oder drucken?

Kommentare sind geschlossen.